Brauchtum in Oberstaufen

 

Gelebte Tradition

Wie kaum etwas anderes signalisiert die Tracht eine Zugehörigkeit zu einer Tradition und das selbstbewusste Bekenntnis zur Heimat. Bei uns im Allgäu wird Brauchtum gelebt, wo erforderlich aktualisiert, aber in ihren bewährten Grundwerten immer weitergegeben.

Wie unverkrampft Tradition in den Alltag integriert werden kann, zeigt sich in Oberstaufen an der Tracht und bei vielen Anlässen. Die Rückbesinnung auf das traditionelle Erbe setzte vor etwa 60 Jahren ein. Die ursprüngliche Tracht war in Bayern im 19. Jahrhundert ausgestorben – genau so wie die Kunst des Alphornbaus und Alphornblasens. Auch die Volkstänze wurden erst Ende der 1950er Jahre wieder geübt.

Selbst das Alphorn kam erst 1958 wieder zurück ins Allgäu. Der Marktoberdorfer Musikwissenschaftler Dr. Hermann Regner brachte es aus der Schweiz mit und propagierte mit Bezirksheimatpfleger Dr. Alfred Weitnauer die Wiederbelebung des Alphornblasens im Allgäu. Einer, der die Idee sofort aufgriff, war der junge Landwirt Josef Wagner aus Oberstaufen. Sein Hobby waren Holzinstrumente. Eine kleine Orgel und eine Gitarre hatte er schon gebaut. Nun sollt es das 3,60 Meter lange Alphorn sein. Die weichen, klaren, urhaften Töne, die sich mit dem echo der umliegenden Waldungen so unvergleichlich erdverbunden und zugleich himmeslwärts strebend vermischten, hatten es ihm angetan.

Heute ist Josef Wagner 73 Jahre alt und baut immer noch Alphörner. Fast alle in der Stimmung "F", die sozusagen die Grundstimmung des Allgäus ist.  In der Schweiz spielt man hauptsächlich die etwas kürzeren Fis/Ges-Alphörner. Die Länge entscheidet über die Stimmung: vom 2,45 m kurzen C- bis zum 4,05 m langen "Es"-gestimmten Alphorn.

Wagner ist heute einer von drei Alphornbauern im Allgäu und einer von fast wieder 100 Alphornbläsern. Seinen Hörnern entlockt er zwölf bis fünfzehn Töne aus der Naturtonreihe über vier Oktaven. Sowohl das Bauen als auch das Spiel der Naturtonreihe mit den Lippen hat er sich selbst beigebracht. Es gibt inzwischen auch Alphörner aus Carbon oder Glasfasern. Wagner steht auf die weichen Holzklänge der Allgäuer Fichte. So wie die vielen Freizeit- und Profimusiker, für die er in der kleinen Werkstatt neben dem Hof in Weißach Alphörner baut. 45 bis 60 Arbeitsstunden braucht er für jedes Alphorn, 1200 bis 1500 Euro bekommt er dafür.

Wer sich an ein Alphorn wagt, hat meist schon Erfahrung mit anderen Blasinstrumenten - und braucht dennoch einiges an Übung, bis er dem ausgehöhlten Fichtenstamm die weichen Töne melodisch und zuverlässig entlocken kann.

Erfunden wurde das Alphorn schon vor vielen Jahrhunderten, wohl von Hirten, denen die Töne ihrer Ziegenhörner nicht mehr genügten. Josef Wagner: "Es war von Anfang an mehr als ein Signalhorn." Heute ist es ein Musikinstrument, das aus den Bergen nicht mehr wegzudenken ist und sogar Jazz-Karriere gemacht hat. Fünf und mehr Kilometer weit sind die Alphörner in den Bergen zu hören, begleitet von einem vielfachen, weichen Echo. Heute gehört ihr Klang wieder zu unserer Region - wie die Landschaft, wie unser Brauchtum, der Volkstanz oder die Allgäuer Tracht.

Die heutige Tracht wurde erst in den 1950er Jahren nach alten Bildern neu entworfen. Ein "Moderner" Allgäuer sollte sie im Büro, im Theater, in der Kirche und auf der Straße gleichermaßen tragen können. Sie wurde mehrfach in Stoff oder Farbe verändert und örtlichen Vorgaben angepasst. Erst 1978 entstand die heute verbindlich festgelegte "Oberstaufner Fest- und Sonntagstracht".

Allgäuer Trachten haben sich als moderne Kleidungsstücke bewährt. Seit Einführung der heutigen Festtracht tragen Frauen statt der bis dahin ständig nach der Mode wechselnden Rocklängen den figurfreundlichen bodenlangen Plisseerock. Zu seiner Herstellung werden vier bis sieben laufende Meter Stoff gebraucht. Darunter trägt die Staufnerin einen weißen Unterrock, darüber eine Schürze aus roter Seide.

Das Mieder der Frauen ist aus schwarzem Wollstoff oder aus Seide ohne Latz gearbeitet und wird mit einer Samtverzierung vorne über der weißen Bluse mit Dreiviertel-Ärmel geschnürt. Am Hals trägt die Frau zumindest an Festtagen eine silberne Brosche. Blickfang und Kopfschmuck der Festtagstracht ist jedoch eine schallplattengroße, gewirkte "Radhaube" aus Goldfäden. Bis zu 200 Arbeitsstunden müssen die Trägerinnen in die Herstellung dieser Hauben investieren.

Zur "Staufner Männertracht" gehört eine zweireihige schwarze Trachtenjacke aus Filz mit einem kleinen angeschnittenen Stehkragen und acht dekorativen Silberknöpfen. Die Weste ist aus schwarzem Cord und wird über dem weißen Hemd mit 15 Kugelknöpfen geschlossen. Die schwarze Stoffbundhose ist knielang. Die weißen Trachtenstrümpfe stecken in schwarzen "Haferlschuhen" mit Silberschnalle. Der runde Filzhut wird von einer silbernen Kordel umrandet.

So wird die Tracht heute von unserer Volkstanzgruppe getragen. In anderen Vereinen und in den Ortsteilen Thalkirchdorf, Steibis und Aach gehören ein anderer Kopfputz und meist auch andersfarbige Röcke und Schürzen zur Tracht.
Neben der "Fest- und Sonntagstracht" kann man im Alltag auch sehr häufig die "Allgäuer Gebirgstracht" sehen: Die Schürzen der Frauen sind bei ihr meist grün, die Ärmel der weißen Bluse kurz. Bei den Männern hält der breite, grüne Edelweiß-Hosenträger unter der grauen Joppe eine kurze Lederhose oder eine lederne Kniebundhose.

Die meisten Trachtenträger treffen Sie im September zum "Viehscheid". Bei diesem traditionellen "Berglarfest" kommen die Hirten mit ihren Herden von den hochgelegenen Sommerweiden zurück ins Tal. Nach 80 bis 120 Tagen "Sömmerung" werden die Jungtiere und das Milchvieh Mitte September wieder auf ihre Besitzer verteilt. Das ist nicht nur ein Fest für die Gäste, sondern wichtiger Bestandteil des bäuerlichen Jahreslaufs. Alle Augen suchen das "Kranzrind" an der Spitze jeder Herde. Ist es bunt geschmückt, bedeutet dies, dass Hirte und Tiere den Sommer am Berg unfallfrei überstanden haben. Nachdem die Tiere auf die hofnahen Weiden oder in die Stallungen gebracht wurden, beginnt ein fröhliches Fest mit Bier, Volkstanz und Blasmusik bis weit in den nächsten Morgen.


Gelebtes Brauchtum

Wie lebendig und auch authentisch das Brauchtum im Allgäu ist, zeigt sich beim Maibaumstellen, dem Viehscheid, den Vereins-, Feuerwehr- und Heimatfesten. Aber am auffälligsten ist es am "Fasnatziestag" in Oberstaufen.

Währen der Fasching überall im Land fröhliche Urständ feiert, gebt es hier nur einen Verkleideten, alle anderen tragen Festtagstracht und Sonntagsg´wand. Blasmusik und Trommlercorps marschieren durch die Stadt. Ihnen folgen die ledigen Burschen und die "Föhla", die unverheirateten jungen Frauen. Der "Butz" tänzelt im bunten Kostüm besenschwingend allen voran und reinigt symbolisch Boden und Leute.

Der fröhliche Umzug ist ein historisches Vermächtnis von Graf Hugo von Königsegg, im 30jährigen Krieg Regent auf Schloss Staufen. Ein schwedisches Regiment war im Mai 1635 mordend und plündernd durch das Konstanzer Tal gezogen und hatte die Pest eingeschleppt. An ihr starben bis Mitte November weitere 350 Kinder und 356 Erwachsene. Als alles überstanden war, bewirtete der Graf die Staufner Haussöhne in seinem Schloss und übergab ihnen eine kostbare Fahne. Er gebot, sie alle Jahre am Faschingsdienstag durch den Ort zu tragen, der Toten zu gedenken, den Tag aber mit Frohsinn festlich zu begehen.


 


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